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Kayh: Dieter Dörrenbächer teilt den Taktstock mit seinem Bruder Stefan

Weg vom Quetschkommoden-Image

Zwei Brüder standen im Scheinwerferlicht der Kayher Kirche. Bei einem Benefizkonzert der Akkordeonorchester Herrenberg und Königswinter brachten Dieter und Stefan Dörrenbächer dem Publikum ein vielfach unterschätztes Instrument nahe. Die Einnahmen spendeten die beiden Orchester für die Sanierung der Kirche.


VON NADINE DÜRR

Zwei Brüder, eine Leidenschaft: Dieter und Stefan Dörrenbächer haben sich beide der Musik verschrieben. Als älteres Geschwisterteil setzte Dieter Dörrenbächer mit seiner Begeisterung für das Akkordeon einst die Initialzündung. Und was der ältere Bruder macht, weckt natürlich auch die Neugier des Jüngeren. Gemeinsam geübt habe man indes nicht, sagen die beiden. "Mein Bruder hatte ja drei Jahre Vorsprung", erklärt Stefan Dörrenbächer, der nicht nur die Spieler des Akkordeon-Orchesters Königswinter, sondern auch Grundschüler in Altenkirchen im Westerwald unterrichtet.

Gegenseitige Konkurrenz habe man nie empfunden. "Dazu sind wir zu verschieden", sagen die Brüder. Während Dieter Dörrenbächer "eher vom Orchester her denkt", kühl und klar agiert, sang Stefan Dörrenbächer - seines Zeichens Musikwissenschaftler - viel im Chor und beschreibt sich als emotionaler: Beim Wörtchen "cantabile" beginnen seine Augen zu leuchten. Trotz der unterschiedlichen Temperamente befruchte man sich gegenseitig, versichern die Brüder: "Wir kommunizieren." Dass die von den Dörrenbächers geleiteten Akkordeonorchester erst zum zweiten Mal gemeinsam auf der Bühne standen - vor zwei Jahren besuchte Herrenberg erstmals Bonn -, sei keineswegs dem fehlenden Willen nach Kooperationen geschuldet: "Die Ferienzeiten", erläutert Dieter Dörrenbächer, "liegen leider sehr unterschiedlich." Nun erlaubten die Umstände endlich das gemeinsame Musizieren. Vor der Kulisse der Baugerüste im Chor der Kirche eröffnete das Jugendensemble des Akkordeonorchesters Herrenberg (AOH) den Abend mit dem rhythmischen "Libertyn", senkte den Puls seiner Zuhörer dann aber gleich wieder mit Bachs berühmtem "Air". In nur fünfköpfiger Besetzung gelang es den Jugendlichen, einen orchestralen Klang zu erzeugen.

Exotische Szenarien

Auch das Ensemble des AOH fesselte die Aufmerksamkeit seines Publikums - mit Astor Piazzollas "La Muerte del Angel", einer höchst reizvollen Komposition zwischen waghalsig-scharf dahingeschmetterten Passagen und schwärmerischen Einsprengseln. Ganz auf innere Bilder setzte das erste Orchester des AOH mit Albert William Ketelbeys Programmmusik "Auf einem persischen Markt", beschwor exotische Szenerien mit Kameltreibern, anmutigen Prinzessinnen und Kalifen in prachtvoll-orientalischem Ornat herauf.

Kaum die Füße stillhalten konnte man dagegen bei den fünf Sätzen aus Helmut Quakernacks "Transsylvania": Mal im Neun-Achtel-Takt, dann wieder im Sieben-Achtel-Takt jagten die Spieler über ihre Tasten und ließen dabei keinen Zweifel, dass auch Volkstänze ein beachtliches Potenzial an Virtuosität für den Interpreten bereithalten. Von wegen einfältige Schunkel-Musik! Unter der Hand von Dieter Dörrenbächer reifte das Akkordeon da zu einem Instrument von kultivierter Eloquenz heran.

Auch Stefan Dörrenbächer gelang es, das Akkordeon von seinem Quetschkommoden-Image zu befreien. Mit drei Tänzen nach Jean-Baptiste Lully entführte das Akkordeonorchester Königswinter zunächst an den Hof Ludwigs XIV., um die Zuhörer dann mit einer so noch nicht gehörten Interpretation von Bachs "Adagio" aus dem "Konzert in d-Moll" zu überraschen. Jegliche formale Strenge des Barock streifte Stefan Dörrenbächer - er hatte sich inzwischen selbst ein Akkordeon umgeschnallt - ab und impfte dem Barockmeister eine kühn zu nennende Portion Leidenschaft ein. Ein erstaunliches Experiment im ad-libitum-Geiste, das noch länger nachhallte. Auch mit Telemanns "Europa" und Didos Liebesklage aus Henry Purcells Oper "Dido und Aeneas" bewegten sich die Akkordeonspieler aus Nordrhein-Westfalen so souverän wie eigensinnig im klassischen Sektor. Zum Abschluss schickten die vereinigten Ensembles und ersten Orchester aus Herrenberg und Königswinter die Fantasie des Publikums dann nochmals auf Reisen: Mit Rainer Glen Buschmann unternahm man "Ausflüge" und folgte Alexander Borodin in die mittelasiatische Steppe. Manch einer der Zuhörer dürfte das Akkordeon nach diesem Konzert mit anderen Augen sehen.

Allzu lange wird Dieter Dörrenbächer den guten Ruf des verkannten Instruments in Herrenberg indes nicht mehr verteidigen können. Nach 25 Jahren in der Gäustadt ist der Leiter des AOH auf dem Sprung zu neuen Ufern: Die Musikschule Konstanz ist der neue Arbeitsplatz des 53-Jährigen. Für seine Herrenberger Verdienste um das Akkordeon dankte dem scheidenden Dirigenten der AOH-Vorsitzende Martin Röhm: "Sie waren für uns ein totaler Glücksgriff!" Auch Röhm, der dem Verein seit 25 Jahren vorsteht, wurde für seine langjährige Arbeit im Vorstand geehrt: "Auf dich ist immer Verlass!"